
Beatrice Dalle sucht "menschliches Abenteuer"
"Domaine" erzählt von der fast erotischen Beziehung zwischen Nadia, einer 40-jährigen Alkoholikerin, und Pierre, einem 17-jährigen Schüler, in Bordeaux. Als sich dieser aus der Abhängigkeit von Nadia löst, ertränkt sie ihren Kummer im Wein und muss auf Entziehungskur auf dem Semmering. Dort besucht sie Pierre, und beide verirren sich auf rätselhafte Weise im Wald. "Domaine" ist der erste Langfilm Patric Chihas. Trotz der eindrucksvollen Leistung seiner Hauptdarstellerin Beatrice Dalle gelingt es dem Regisseur nicht, die Anziehung zwischen Nadia und Pierre in Bilder umzusetzen. Die Faszination füreinander bleibt bloße Behauptung, das abrupte Ende im Wald unbefriedigend.
Der Film läuft am 29. Oktober um 23.30 Uhr in der Urania.
ORF.at: In einem Zeitungsinterview haben Sie gesagt: "Österreich ist das einzige Land auf der Welt, das ich wirklich hasse." Finden Sie das immer noch?
Beatrice Dalle: Das war beim Dreh mit (Michael, Anm.) Haneke (für "Wolfzeit", Anm.). Er hatte die schlechte Idee, in einem leerstehenden Getreidesilo nahe der ungarischen Grenze zu drehen. Das ist das Bild, das ich von Österreich hatte, und das war ziemlich schrecklich. Aber eigentlich mag ich alle Länder gern. Denn ich bin dort nicht wie ein Tourist, sondern mit Leuten aus dem Land zusammen. Österreich oder woanders - ist mir egal.
Sie scheinen in Ihrer Filmografie immer wieder von Frauenrollen am Rande des Abgrunds angezogen zu sein.
Dalle: Ich finde es schwieriger, Männer zu spielen (lacht). Es ist mir egal, wen ich darstelle. Ich entscheide mich für einen Film, wenn ich den Regisseur gut finde. Ist mir egal, was der dann von mir verlangt. Oft erfinden interessante Regisseure gewalttätige Frauen, nicht physisch gewalttätig, sondern intellektuell. Denn das Leben ist interessant und zwangsläufig gewalttätig.
Was war denn an Patric Chiha das Interessante?
Dalle: Sein Esprit. Sicher, er sieht gut aus, aber wichtig war sein Esprit.

"Als Prostituierte fühlte ich mich nicht"
Wenn Jean-Jacques Beineix Sie 1986 nicht für "Betty Blue - 37, 2 Grad am Morgen" entdeckt hätte, welches Leben hätten Sie führen mögen?
Dalle: Keine Ahnung. Ich habe nicht gearbeitet und hatte auch absolut keine Lust dazu. Ich habe nicht studiert und hätte also keine sehr interessante Arbeit gehabt. Als Diebin wäre ich ins Gefängnis gekommen, und als Prostituierte fühlte ich mich nicht. Da traf es sich sehr gut, dass das Kino gekommen ist.
Sie sagen, dass der Prozess des Filmemachens für Sie wichtiger sei als der fertige Film. Inwiefern?
Dalle: Das menschliche Abenteuer. Sobald ich den Menschen, der mich in dieses Abenteuer hineingezogen hat, mag, mag ich auch den Film. Den Film nachher kann ich dagegen nicht mehr beeinflussen.
Sie lesen keine Drehbücher, haben Sie gesagt. Wie nähern Sie sich dann einer Rolle?
Dalle: Über den Regisseur. Manchmal lüge ich. Ich erinnere mich, dass es Michael Haneke am Herzen lag, dass ich das Drehbuch lese. Eine Woche später haben wir uns wiedergesehen, und ich hatte es noch immer nicht gelesen. "Ist diese Szene gut?", hat er gefragt. "Ja, ja", habe ich gesagt. "Und diese nicht so gut?" - "Nein, genau", habe ich geantwortet. Er hätte mir leicht auf die Schliche kommen können, hätte ich mich verplappert. (lacht)
"Du taugst nur als Aschenbecher"
Hat Sie Ihr Instinkt für einen Regisseur auch einmal getäuscht, so dass Sie beim Drehen festgestellt haben: Das wird nichts.
Dalle: Nur einmal. Das war ein verdammter Regisseur namens (Fabrice, Anm.) Cazeneuve. Es war ihm gerade etwas Schlimmes passiert, er hatte Frau und Kinder verloren. Ich verstehe, dass das schlimm ist. Er nahm Medikamente, um das zu verarbeiten. Aber als die Produzenten einmal das Set besuchten, war er plötzlich wieder in Form. Das war alles Beschiss. Da habe ich seine Hand genommen, einen Aschenbecher darin ausgeleert und gesagt: "Zu etwas anderem als Aschenbecher taugst Du nicht." Das Team hat den Film dann fertiggemacht, es wurde ein schlechter Film, das Team hat zwar sein Bestes gegeben, aber ohne Kapitän an Bord geht es einfach nicht.
Sie mögen den Begriff "eine Rolle spielen" nicht. Also kann man Sie vielleicht gar nicht Schauspielerin nennen. Wie dann?
Dalle: Beatrice Dalle, das definiert mich doch sehr gut. (lacht) Spielen ist was für Kinder.

Sie haben viel Leidenschaft für Ihren Beruf. Gibt es diese Leidenschaft im heutigen Kino überhaupt noch?
Dalle: Wenn Sie das Unterhaltungskino meinen, das interessiert mich nicht. Der dümmste Film, den es gibt, ist für mich "Armageddon".
Ihre Leidenschaft fürs Kino ist eine Sache, die im Leben eine andere: Sie führen eine sehr spezielle Ehe.
Dalle: Mein Mann ist im Gefängnis, ich liebe ihn dort, wo er ist. Ich habe ja keine Wahl. Jedenfalls kann man nicht sagen, dass ich mit Männern schlafe, um Karriere zu machen. (lacht)
"Was kann ich für die Vergangenheit meines Mannes?"
Stört es Sie nicht, dass er wegen Vergewaltigung und Freiheitsberaubung verurteilt wurde?
Dalle: Sehr schlimm. Doch was kann ich für seine Vergangenheit? Vielleicht ändert sich ein Mensch ja. Mein Mann musste wegen der Klatschpresse wieder zurück ins Gefängnis. Die französische Justiz - das sind Illustrierte wie "Voici" und "Public". Denn er ist für drei weitere Jahre verurteilt worden, nachdem wir einander auf der Straße angeschrien hatten. Die Richterin hat mitgeteilt, dass sie lieber gegenüber meinem Mann ungerecht sein wolle als gegenüber einer Schauspielerin, bei der man nie wissen könne, was darüber dann in der Presse stehe. Ich will keinesfalls entschuldigen, was passiert ist und weswegen er verurteilt wurde. Doch ihn zu verurteilen, weil seine Frau Schauspielerin ist, das finde ich doch sehr ungerecht.
"Brest ist beschissen"
Sie stammen aus Brest. Wie wichtig ist Ihnen die Bretagne? Werden Sie vielleicht einmal dorthin zurückkehren?
Dalle: Lieber sterbe ich. Ich bin zurück, weil mein Mann dort im Gefängnis sitzt und wir dort geheiratet haben. Nur Fassbinder findet Brest reizvoll. Die Stadt ist im Krieg vollkommen zerstört worden, einfach schrecklich. Die Bretagne ist schön, aber Brest beschissen.
Was werden Sie sich bei Ihrem Besuch in Wien anschauen?
Dalle: Ich wollte ein Gemälde von Hieronymus Bosch in der Akademie der Bildenden Künste sehen, aber dieses Scheißmuseum ist immer geschlossen. Bosch hat den Punk erfunden, und ein Typ, der Hieronymus Bosch heißt, in den muss man sich doch verlieben. (lacht)
Das Gespräch führte Alexander Musik, ORF.at

